Das gute Leben ist ein lebendiges Leben

Was macht ein gutes Leben eigentlich aus? Wer ehrlich in sich hineinhorcht, merkt schnell: Auf diese Frage mit Inhalten zu antworten – mit Karriere, Beziehung, Gesundheit, Erfolg – greift zu kurz. Dieselben Inhalte können sich für die eine Person erfüllend anfühlen und für die andere hohl. Es muss also etwas geben, das tiefer liegt als die Frage, was wir tun oder haben.

Ich glaube: Es geht darum, wie lebendig sich ein Leben anfühlt.

Das klingt zunächst banal, fast wie eine Nicht-Antwort – eine Tautologie: Ist nicht klar, dass ein lebendiges Leben gut ist? Aber genau darin liegt die Kraft dieses Kriteriums. Es umgeht die Falle, bestimmte Inhalte oder Lebensentwürfe zum Maßstab zu erklären, und bietet stattdessen einen Rahmen an, der für jeden Menschen gilt. Der deutlichste Zugang dazu führt über sein Gegenteil: Wer depressiv ist, beschreibt sein Erleben oft mit denselben Worten – innerlich tot, erstarrt, leer. Das lebendige Leben ist gut, das tote Leben ist schlecht. Menschen spüren das unmittelbar, lange bevor sie es in Worte fassen könnten.

Aber woran erkennen wir Lebendigkeit? Menschliche Existenz lässt sich als ein fortwährendes In-Beziehung-Sein verstehen – zu anderen Menschen, aber auch zu Dingen, Ideen, der Natur und nicht zuletzt zu uns selbst. Und hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied: Es gibt Beziehungen, in denen wir das Gegenüber nur benutzen, um einen Zweck zu erfüllen – den instrumentellen Modus. Er ist notwendig, macht uns aber nicht lebendig. Lebendig werden wir dort, wo wir in einen dialogischen Modus treten: wo wir das Andere als Gegenüber erkennen und uns von ihm berühren lassen. Wir kennen diese Qualität aus Formulierungen wie „auf einer Wellenlänge liegen“ oder „etwas spricht mich an“ – und ihr Gegenteil: „es fühlt sich kalt oder mechanisch an“.

Daraus ergibt sich die Formel: Das gute Leben ist ein lebendiges Leben – und lebendig ist ein Leben in dialogischer Bezogenheit. Sie sagt nicht, was wir tun sollen, sondern woran wir merken, ob unser Leben in eine gute Richtung geht: Spüre ich, wo ich wirklich in Dialog stehe – und wo ich mich nur noch mechanisch durch instrumentelle Beziehungen bewege? Das gilt für andere Menschen genauso wie für die wohl am meisten vernachlässigte Beziehung überhaupt: die zu mir selbst.


Diese Formel bildet den Ausgangspunkt meines Buches „Im Dialog mit Leib und Leben“. Darin gehe ich der Frage nach, wie sich diese Lebendigkeit konkret erkennen und kultivieren lässt – vor allem im Verhältnis zu uns selbst, zwischen dem, was ich Leib nenne (das reine Spüren), und dem Körper (das Objektive, Messbare). Meditative Praktiken spielen dabei eine zentrale Rolle. Wer wissen möchte, wie aus dieser Formel ein ganzes Denkgebäude wird, findet im Buch die ausführliche Landkarte dazu.

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