Ich spüre, also bin ich – was relationale Leibphänomenologie meint

»Relationale Leibphänomenologie« – ich gebe zu, das Wort ist sperrig. Es klingt nach Fachbibliothek und staubigem Seminarraum. Dabei meint es etwas, das dir näher ist als alles andere: dein eigenes Spüren. Und die Frage, was eigentlich geschieht, wenn du in Beziehung bist – mit anderen, mit der Welt und mit dir selbst.

Am einfachsten lässt sich der Begriff von hinten nach vorn aufschnüren: Was ist Phänomenologie? Was ist der Leib? Und warum relational?

Phänomenologie: die Welt von innen beschreiben

Die Wissenschaft, wie wir sie kennen, schaut von außen. Sie misst, wiegt, zählt und erklärt. Das hat uns enorm weit gebracht – aber es hat einen blinden Fleck. Denn es gibt eine Seite der Wirklichkeit, die sich von außen grundsätzlich nicht erfassen lässt: wie es sich anfühlt, in der Welt zu sein.

Genau hier setzt die Phänomenologie an. Sie fragt nicht zuerst, was die Dinge »an sich« sind, sondern wie sie uns erscheinen – wie sie erlebt werden. Das Programm, das mich daran interessiert, lässt sich in einem Satz sagen: die subjektive Perspektive so genau und sorgfältig beschreiben, wie es bisher nur mit der objektiven gelungen ist.

Das Bemerkenswerte daran: Für diese Art der Forschung brauchst du weder ein Studium noch Instrumente. Du brauchst nur einen nach innen gerichteten, neugierigen Blick. Und doch fällt gerade das uns modernen, nach außen gewandten Menschen erstaunlich schwer. Wir haben verlernt, ohne Werkzeug zu forschen.

Leib und Körper: zwei Wörter für zwei Perspektiven

Die deutsche Sprache hat hier einen kleinen Schatz, um den uns andere Sprachen beneiden dürfen: Sie unterscheidet zwischen Körper und Leib.

Der Körper ist das, was man von außen sehen, anfassen, messen und behandeln kann. Er hat ein Gewicht, einen Blutdruck, eine Röntgenaufnahme. Der Leib dagegen lässt sich nur von innen spüren. Man könnte sagen: Der Leib ist kein Ding, das man hat – er ist das Spüren selbst.

Der Unterschied ist feiner, als er zunächst klingt. Nicht jede Körperwahrnehmung ist schon leibliches Spüren. Wenn du registrierst, dass das Wasser in der Badewanne warm ist, nimmst du eine Temperatur wahr. Die wohlige Weite, die sich daraufhin in dir ausbreitet – die ist leiblich gespürt.

Wie verschieden die beiden Perspektiven sein können, zeigt ein schlichtes Beispiel: der Atem. Beim Einatmen weitet sich der Körper, der Brustkorb hebt sich, das Volumen wächst. Der Leib aber zieht sich dabei eher zusammen, es entsteht Spannung. Beim Ausatmen kehrt sich das um: Der Körper wird kleiner, der Leib weitet sich, lässt los. Derselbe Vorgang, zwei vollkommen unterschiedliche Wirklichkeiten – je nachdem, ob du von außen schaust oder von innen spürst.

»Ich spüre, also bin ich«

René Descartes hat bekanntlich das Denken zum Fundament erklärt: Ich denke, also bin ich. Die relationale Leibphänomenologie setzt einen Schritt früher an. Der gespürte Leib ist die unhintergehbare Tatsache schlechthin – noch bevor überhaupt gedacht wird. Ich spüre, also bin ich.

Das ist keine Spitzfindigkeit. Wer beim denkenden Bewusstsein beginnt, kann einen großen Teil des menschlichen Lebens gar nicht beschreiben. Ein Säugling denkt nicht im Sinne Descartes‘ – aber er spürt. Er ist ganz Leib. Der Körper im Sinne von »meinem Körper«, mit einer Grenze zwischen mir und dem Rest der Welt, entsteht erst später: dann, wenn das Kind beginnt, gewissermaßen von außen auf sich zu blicken und eine Linie zu ziehen. Hier beginnt die »Meinigkeit«.

Der Leib ist damit die logische und zeitliche Grundlage menschlicher Existenz. Und deshalb, so meine Überzeugung, sollte jedes Verstehen des Menschen hier ansetzen – nicht beim Gehirn, nicht bei der Psyche als abgetrenntem Innenraum, sondern beim spürenden Leib.

Enge und Weite – die Grundbewegung des Leibes

Wenn man den Leib genau beschreibt, stößt man auf etwas Erstaunliches: Die unzähligen Regungen, die wir erleben, lassen sich auf zwei Grundbewegungen zurückführen – Enge und Weite. Der Philosoph Hermann Schmitz, auf den diese Unterscheidung zurückgeht, spricht von engender Spannung und weitender Schwellung.

Angst engt. Freude weitet. Scham zieht zusammen, Erleichterung lässt aufatmen. Unsere Sprache weiß das längst: Es »schnürt uns die Kehle zu«, das »Herz geht auf«, wir sind »beklommen« oder »befreit«. Diese Ausdrücke sind keine blumigen Bilder, sondern ziemlich präzise Beschreibungen leiblicher Vorgänge.

Ein Leib in verschiedenen Dichten

Damit ist auch eine alte Streitfrage der Philosophie berührt: Wie hängen Körper, Gefühl und Denken zusammen? Klassisch werden sie als getrennte Bereiche gedacht – und dann muss man mühsam erklären, wie sie aufeinander einwirken, wie Billardkugeln, die sich anstoßen.

Die relationale Leibphänomenologie sieht das anders. Der Leib ist ein Kontinuum: vom physischen über den emotionalen bis zum mentalen Leib. Man kann es sich vorstellen wie Eis, Wasser und Dampf. Die Erscheinungen könnten kaum verschiedener sein, und doch ist es dieselbe Substanz in unterschiedlicher Dichte. Physischer Schmerz hat einen klaren Ort. Emotionaler Schmerz ist schon schwerer zu lokalisieren. Und das Mentale erleben wir kaum noch als leiblich – es wirkt fast wie eine traumartige Parallelwelt.

Auch hier verrät uns die Sprache, was wir eigentlich wissen: Schmetterlinge im Bauch, ein gebrochenes Herz, sich den Kopf zerbrechen. Wenn es nur einen Leib gibt, muss man nicht mehr erklären, wie getrennte Bereiche miteinander »interagieren«. Es gibt keine Billardkugeln, nur Übergänge.

Warum »relational«?

Bis hierhin könnte man sagen: Das ist Leibphänomenologie, wie sie in ihren Grundzügen schon länger gedacht wird. Was also bedeutet das Wort »relational«, und warum steht es vorne?

Erstens: Es gibt keine fertigen Dinge

Der Ausgangspunkt ist ein Weltbild, in dem nicht Dinge das Erste sind, sondern Beziehungen. Es gibt keine fertigen, abgeschlossenen Objekte, die einfach »da« sind und darauf warten, erkannt zu werden. Es gibt Beziehungen, Perspektiven, Abhängigkeiten und Prozesse. Erkennendes und Erkanntes bringen sich gegenseitig hervor.

Das heißt nicht, dass alles beliebig wäre. Der Relativismus kennt nur Standpunkte, die gleichgültig nebeneinanderstehen. Der Relationismus dagegen erkennt an, dass alles Perspektive ist – setzt die Perspektiven aber zueinander in Beziehung. Die Wirklichkeit ergibt sich nicht aus einer einzigen Sicht, sondern aus dem Zusammenspiel aller.

Zweitens: Der Mensch ist ein Beziehungsgeschehen

Die tiefste Unterscheidung in diesem Denken ist eigentlich nicht die zwischen Leib und Körper, sondern die zwischen subjektiv und objektiv – zwischen dem, was nur von innen zugänglich ist, und dem, was von außen betrachtet werden kann. Leib und Körper sind die Gestalt, in der uns diese Unterscheidung am eigenen Dasein begegnet.

Entscheidend ist: Das sind nicht zwei Dinge, die irgendwie zusammengeklebt wären. Es sind zwei Perspektiven, die miteinander im Gespräch stehen. Der Mensch ist darum weder eine glatte Einheit noch eine Summe von Einzelteilen, sondern eine Zweiheit: das lebendige Zusammenspiel von Subjektivität und Objektivität. Er ist kein für sich seiendes Ding, sondern ein Beziehungsgeschehen.

Drittens: Die Selbstbeziehung ist die Blaupause

Wenn der Mensch ein Beziehungsgeschehen ist, dann rückt eine Beziehung ins Zentrum, die wir meist am gründlichsten übersehen: die zu uns selbst. Sie ist die Blaupause aller anderen Beziehungen – und die einzige, der wir kaum je entkommen.

Selbstbeziehung meint dabei viel mehr als die Frage, wie ich mich bewerte. Sie zeigt sich ganz konkret, zum Beispiel wenn plötzlich das Knie schmerzt. Im ersten Moment bin ich ganz dieser Schmerz – da ist kein Abstand, nur reines Spüren. Einen Augenblick später tritt der Kopf auf den Plan: Ich gehe innerlich auf Distanz und analysiere. Aus dem gespürten Zustand wird ein Problem, das ich beobachte und am liebsten sofort abstellen möchte. Und dann gibt es eine dritte Möglichkeit: den Schmerz da sein zu lassen, wie er sich anfühlt, und zugleich klar zu bleiben. Spüren und Beobachten im selben Moment.

In diesem Dreiklang spiegelt sich eine Bewegung, die sich im menschlichen Erkennen überhaupt findet: erst eine undifferenzierte Einheit, dann die analytische Zergliederung, schließlich eine neue, integrierte Einheit, die beides in sich trägt.

Viertens: Es kommt auf das Wie an

Existieren heißt, in Beziehung zu sein. Entscheidend ist aber nicht nur, mit wem oder was wir in Beziehung stehen, sondern wie. Ich unterscheide zwei Grundmodi.

Im instrumentellen Modus zählt nur die eigene Stimme. Das Gegenüber wird zum Objekt, zum Mittel für einen Zweck. Im dialogischen Modus dagegen erkennen sich beide Seiten als Subjekt an – und lassen sich vom anderen verändern.

Das Besondere an der relationalen Leibphänomenologie ist, dass sie diese Unterscheidung nicht nur auf Menschen anwendet, sondern bis in die Beziehung zum eigenen Leib hinein verfolgt. Wir haben gelernt, unseren Körper wie ein Gerät zu behandeln, das funktionieren soll und bei Störung repariert wird. Das ist instrumentell. Eine dialogische Selbstbeziehung beginnt dort, wo ich meinen Körper nicht nur von außen manage, sondern ihn von innen bewohne – wo eine leibliche Regung nicht abgewehrt, sondern gehört wird.

Wohin das führt

Aus diesen Bausteinen ergibt sich eine Blickrichtung, die weit über das einzelne Leben hinausreicht.

Eine Diagnose. Unsere Kultur überbetont das Instrumentelle in einem Ausmaß, das kaum noch auffällt, weil es so selbstverständlich geworden ist. Viel von dem, was heute als Vielzahl einzelner Krisen erscheint, lässt sich darum als eine einzige verstehen: als Beziehungskrise. Zu anderen, zur Mitwelt, zu uns selbst.

Ein eigener Zugang. Es gibt bedeutende Denker, die diese Krise beschrieben haben – Martin Buber aus der Perspektive des Dialogs, Hartmut Rosa mit dem Begriff der Resonanz. Was dabei meist fehlt, ist der Leib. Die relationale Leibphänomenologie fragt danach, wie sich Beziehung anfühlt – und wie sich gelingende und misslingende Verhältnisse in uns niederschlagen, als Enge oder Weite, als Taubheit oder Lebendigkeit.

Ein Fluchtpunkt. Wenn Spüren und Beobachten, Leib und Körper wirklich in einen Dialog kommen, kann daraus etwas Drittes hervorgehen. Ich nenne es Mediotät: nicht mehr zwei Seiten, die miteinander sprechen, sondern das erfahrene Dazwischen. Du spürst, was du bist – und du bist, was du spürst.

Ein offenes Feld. Ich verstehe all das als ersten Schritt eines größeren Forschungsprogramms. Die Fragen lassen sich auf vieles anwenden: auf Sport und Kunst, auf therapeutische Arbeit – besonders vielversprechend scheint mir die Arbeit mit Trauma und Nervensystem –, auf meditative Praxis und auf das, was zwischen Menschen geschieht, wenn sie gemeinsam etwas gestalten. Vielleicht lässt sich vom Leib her sogar so etwas wie eine nüchterne Mystik beschreiben: eine, die ohne esoterische Deutung auskommt und ihren Kern im genauen Spüren findet.

Eine Landkarte, nicht das Gelände

Zum Schluss ein Wort zum Status dieser Gedanken. Sie sind eine Landkarte, nicht das Gelände selbst. Sie wollen nicht wahr oder falsch sein, sondern mehr oder weniger nützlich – nützlich dafür, sich im eigenen Erleben besser zurechtzufinden und Beziehungen lebendiger zu gestalten.

Ausführlich entfaltet habe ich die relationale Leibphänomenologie in meinem Buch »Im Dialog mit Leib und Leben«. Dort geht es um das, was hier nur angerissen ist: die Unterscheidung von Leib und Körper, die beiden Modi des In-Beziehung-Seins, die verschiedenen Formen des Selbst – und darum, wie eine meditative, dialogische Haltung die Beziehung zu uns selbst verwandeln kann. Am Ende steht eine einfache Frage, die das ganze Buch trägt: nicht, was ein gutes Leben ist, sondern wie es sich anfühlt, lebendig in der Welt zu sein.